Die experimentellen Filme des Video- und Soundkünstlers
Marcellvs L. bestechen durch die Schönheit ihrer Sujets und die
Feinsinnigkeit ihrer Darstellung, und mitunter auch durch den
spektakulären Charakter ihrer Installation: »Overground«
gehörte 2008 in Basel zu den herausragenden Präsentationen auf
der Art Unlimited.
Das anlässlich der Ausstellung »VideoRhizome« in der
Kunsthalle Wien erschienene Künstlerbuch stellt die 2002
begonnene Serie »VideoRhizome« vor. Sie umfasst bisher 27
Filme. Es sind Aufnahmen von einfachen Motiven und scheinbar
unbedeutenden Ereignissen, ästhetisierte Begegnungen mit der
Welt, die zwischen Abstraktion und Figuration, Vehemenz und
Flüchtigkeit, Kontemplation und Chaos changieren.
Benannt nach einem Begriff aus dem postmodernen Klassiker
»Tausend Plateaus «von Gilles Deleuze und Félix Guattari, geht
es in »VideoRhizome« um die offenen heterogenen Strukturen der
Wirklichkeitserfahrung im Gegensatz zu orthodoxen
Exklusionssystemen. Dabei wird das Bild weniger als
Illustration rhizomatischen Denkens entworfen und konzipiert,
vielmehr ist das Projekt als Ganzes nach einer
zufallsgesteuerten Produktions- und Distributionsstrategie
angelegt, die philosophische Begrifflichkeit an alltägliche
Lebensrealität anzuschließen versucht. Jede Arbeit wird mit den
Zahlen eines Würfelwurfs betitelt und dann an in der Nähe des
Künstlers wohnende unbekannte Personen verschickt, deren
Kontaktdaten (Telefonnummer, Hausnummer etc.) eine Verbindung
mit der gewürfelten Ziffernkombination aufweisen. Der subtile
Einsatz von Ton und der Verzicht auf Schnitt wirken als
Entschleuniger des Zeitempfindens. Zentrales Stilmittel von
Marcellvs L. ist die Plansequenz, mit der Vorgänge, zufällig
bemerkte Szenen oder Naturphänomene, die meistens ganz spontan
aufgenommen werden, in der Detailliertheit der Erscheinung
ihres Bewegungsablaufes festgehalten werden, um daraus eine
originäre Bildsprache zu generieren.
In diesem Sinne entfalten die Filme von Marcellvs L. eine
sublime audiovisuelle Poesie des Schöpferischen jenseits der
Gesellschaft des Spektakels.
Das Künstlerbuch funktioniert als eine Art Daumenkino und
transportiert durch die sensible Anordnung der Videostills die
Anmutung der bewegten Bilder. Die Bilder korrespondieren mit
einem philosophischen Text von Marcus Steinweg, der die Frage
»Was ist Kunst?« stellt. Dem Buch beigelegt ist ein Booklet zur
Ausstellung im projectspace der Kunsthalle Wien mit einem
kuratorischen Text von Synne Genzmer und einem Interview von
Gerald Matt und Katarzyna Uszynsnk mit Marcellvs L.
Marcellvs L., geboren 1980 in Belo Horizonte, Brasilien, lebt
und arbeitet in Berlin.